Living Income: Warum existenzsichernde Einkommen ein Schlüssel zu entwaldungsfreien und menschenrechtskonformen Lieferketten sind
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Die Diskussion um nachhaltige Lieferketten wird häufig entlang einzelner Themen geführt: Entwaldung, Kinderarbeit, Menschenrechte oder Klimaschutz. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Viele dieser Herausforderungen haben eine gemeinsame Ursache: strukturelle Armut in landwirtschaftlichen Lieferketten.
Insbesondere im Kakaoanbau wird dieser Zusammenhang deutlich. Niedrige Einkommen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sind ein zentraler Treiber für Kinderarbeit, Entwaldung und mangelnde Investitionen in nachhaltige Landwirtschaft. Studien zeigen, dass ländliche Armut eng mit diesen Risiken verknüpft ist und damit ganze Lieferketten prägt.
Vor diesem Hintergrund rückt ein Konzept zunehmend ins Zentrum regulatorischer und unternehmerischer Strategien: Living Income und Living Wages.
Was bedeutet Living Income?
Ein Living Income beschreibt das Einkommen, das ein landwirtschaftlicher Haushalt benötigt, um einen angemessenen Lebensstandard zu erreichen – inklusive Zugang zu Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung und angemessenem Wohnraum sowie Rücklagen für unerwartete Ereignisse.
In vielen Rohstoffsektoren ist diese Schwelle jedoch weit entfernt. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass Kakaobäuerinnen und -bauern in Westafrika häufig weniger als die Hälfte eines existenzsichernden Einkommens verdienen.
Diese Einkommenslücke wirkt sich unmittelbar auf Nachhaltigkeitsrisiken entlang der Lieferkette aus.
Der Kakaopreis: Warum der Markt zunehmend unter Druck steht
In den vergangenen Jahren hat sich der globale Kakaomarkt deutlich verändert. Die Preise sind stark gestiegen – zeitweise auf historische Höchststände.
Mehrere Faktoren kommen hier zusammen:
- Klimawandel
Extreme Wetterereignisse, veränderte Niederschlagsmuster und steigende Temperaturen setzen Kakaopflanzen zunehmend unter Stress. Krankheiten breiten sich schneller aus, Erträge sinken. - Alternde Plantagen
Ein großer Teil der Kakaobäume in Westafrika ist überaltert und weniger produktiv. - Fehlende Investitionen
Viele Produzent*innen können nicht ausreichend in neue Pflanzen, Agroforstsysteme oder bessere Anbaumethoden investieren.
Die paradoxe Situation: Obwohl die Weltmarktpreise zuletzt stark gestiegen sind, profitieren viele Kleinbäuer:innen nur begrenzt davon, da strukturelle Marktmechanismen, Zwischenhändler und langfristige Vertragsmodelle einen Großteil der Wertschöpfung abschöpfen.
Armut als strukturelle Ursache von Kinderarbeit
Kinderarbeit ist im Kakaoanbau seit Jahrzehnten ein bekanntes Problem.
Die Ursache liegt jedoch selten in fehlenden Verboten oder mangelnden Standards. Vielmehr handelt es sich häufig um eine ökonomische Notwendigkeit: Wenn Familien kein Einkommen erzielen, das für ein würdiges Leben reicht, fehlen die Mittel, um Arbeitskräfte einzustellen oder Kinder zur Schule zu schicken.
Genau hier setzt das Konzept des Living Income an. Ein höheres Einkommen ermöglicht:
- die Beschäftigung erwachsener Arbeitskräfte
- Investitionen in Bildung
- eine langfristige Stabilisierung landwirtschaftlicher Betriebe
Ohne diese Einkommensbasis bleiben viele Programme gegen Kinderarbeit symptomatisch.
Entwaldung beginnt oft mit Einkommensdruck
Ähnliche Zusammenhänge zeigen sich beim Thema Entwaldung. Kleinbäuerliche Haushalte erweitern ihre Anbauflächen häufig in Waldgebiete, um Erträge zu steigern und Einkommensverluste auszugleichen.
Armut wird daher als zentraler Treiber von Entwaldung in Rohstofflieferketten beschrieben, insbesondere bei Kakao, Kaffee oder Palmöl.
Auch im Kakaoanbau zeigt sich diese Dynamik deutlich: Die Ausweitung von Anbauflächen trägt erheblich zur Entwaldung in Teilen Westafrikas bei.
Damit entsteht ein klassischer Zielkonflikt:
- Niedrige Preise sichern kurzfristig günstige Rohstoffe
- Sie erhöhen jedoch gleichzeitig die Risiken von Entwaldung, Menschenrechtsverletzungen und sozialen Problemen
Neue Regulierung verändert die Perspektive
Mit neuen europäischen Lieferkettenregulierungen wird dieser Zusammenhang zunehmend politisch adressiert.
CSDDD: Menschenrechte entlang der gesamten Lieferkette
Die geplante Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) verpflichtet Unternehmen dazu,
- menschenrechtliche Risiken zu identifizieren
- präventive Maßnahmen umzusetzen
- und Abhilfemaßnahmen zu ergreifen.
Dabei wird immer klarer: Reine Audit- und Kontrollsysteme reichen nicht aus, wenn strukturelle Armut bestehen bleibt.
Viele Stakeholder argumentieren daher, dass existenzsichernde Einkommen ein zentraler Bestandteil wirksamer Sorgfaltspflichten sein müssen.
EUDR: Entwaldungsfreie Lieferketten
Mit der EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) entsteht ein weiterer regulatorischer Druckpunkt.
Unternehmen müssen künftig nachweisen, dass bestimmte Rohstoffe, darunter auch Kakao, nicht mit Entwaldung in Verbindung stehen.
Auch hier wird deutlich:
Wenn Kleinbauer*innen wirtschaftlich unter Druck stehen, steigt das Risiko, neue Flächen zu erschließen.
Existenzsichernde Einkommen werden damit zu einem indirekten, aber entscheidenden Hebel für entwaldungsfreie Lieferketten.
Praxisbeispiele: Erste Schritte im Handel
Einige Unternehmen beginnen bereits, diese Zusammenhänge aktiv zu adressieren.
Der Lebensmitteleinzelhändler Lidl verfolgt beispielsweise Programme zur Förderung existenzsichernder Einkommen in ausgewählten Lieferketten: Das Projekt Living Wages in the Banana Supply Chain wurde 2025 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet und aktuell hat Lidl angekündigt, als erster Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland ab März 2026 sein gesamtes Eigenmarken-Tafelschokoladensortiment in Festlistung auf ein neues Living Income-Programm umzustellen, das von Fairtrade entwickelt wurde . Ziel ist es, strukturelle Einkommenslücken zu reduzieren und langfristig bessere Lebensbedingungen für Produzent:innen zu schaffen.
Im Kakaosektor können beispielsweise Maßnahmen kombiniert werden:
- Preisaufschläge und Prämien
- langfristige Partnerschaften mit Produzentenorganisationen
- Investitionen in Produktivität und Diversifizierung
- stärkere Transparenz entlang der Lieferkette
Diese Ansätze zeigen: Nachhaltige Lieferketten lassen sich nicht allein über Compliance steuern – sie erfordern ökonomische Veränderungen am Anfang der Wertschöpfungskette.
Living Income als strategischer Hebel für nachhaltige Beschaffung
Für Unternehmen – insbesondere im Einkauf – entsteht daraus eine zentrale Erkenntnis:
Nachhaltigkeit beginnt nicht erst bei Zertifizierungen oder Audits. Sie beginnt bei der ökonomischen Realität der Produzent:innen.
Living Income und Living Wages können dabei mehrere Ziele gleichzeitig adressieren:
- Reduktion von Kinderarbeit
- geringerer Druck zur Entwaldung
- höhere Resilienz landwirtschaftlicher Betriebe
- stabilere und transparentere Lieferketten
Mit Blick auf kommende Regulierung wird damit eine Frage immer relevanter:
Wie können Unternehmen ihre Beschaffungsmodelle so gestalten, dass nachhaltige Produktion wirtschaftlich möglich wird?
Denn ohne existenzsichernde Einkommen bleibt nachhaltige Lieferkettenpolitik häufig eine gut gemeinte, aber strukturell unzureichende Maßnahme.