Nachhaltige Beschaffung in Deutschland: Was das neue Sustainable Procurement Barometer über die Stärken und blinden Flecken deutscher Einkaufsorganisationen verrät
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Was beschäftigt CPOs in Deutschland wirklich, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Ist es die nächste Regulierung? Der Druck der eigenen Geschäftsleitung? Oder doch der schlichte Wunsch, besser zu sein als der Wettbewerb?
Die Antwort ist: alles gleichzeitig und genau das macht die Ergebnisse des diesjährigen Sustainable Procurement Barometers so spannend. Die Studie, die EcoVadis gemeinsam mit Accenture bereits zum neunten Mal veröffentlicht, basiert auf Daten von 1.000 Einkaufsorganisationen und knapp 2.000 Lieferanten weltweit. Die zentrale Erkenntnis: Die resilientesten und wettbewerbsfähigsten Unternehmen behandeln nachhaltige Beschaffung längst nicht mehr als Parallelprogramm, sie integrieren sie in den Kern ihres operativen Geschäfts.
Für den deutschen Markt lohnt ein genauer Blick. Denn die Daten zeigen: Deutsche Unternehmen gehören in vielen Bereichen zur europäischen Spitzengruppe, doch es gibt Felder, auf denen selbst diese Vorreiterrolle nicht ausreicht.
Ein etablierter Player mit dediziertem Team
Deutschland bringt Erfahrung mit. 30 Prozent der befragten deutschen Unternehmen geben an, dass ihr Programm für nachhaltige Beschaffung seit über zehn Jahren besteht – das liegt über dem globalen Durchschnitt von 25 Prozent, wenn auch noch hinter Frankreich (36 %) und Großbritannien (32 %). Wichtiger noch: 62 Prozent der deutschen Unternehmen haben ein vollständig dediziertes Team für nachhaltige Beschaffung aufgebaut. Global sind es nur 55 Prozent.

Das ist kein Zufall. In einem Markt, der durch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), die EU-Sorgfaltspflichtenrichtlinie (CSDDD) und die CSRD unter erheblichem regulatorischen Druck steht, sind Strukturen kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
Nachhaltigkeit ist keine Silolösung mehr
Besonders auffällig ist, wie breit die nachhaltige Beschaffung in deutschen Unternehmen inzwischen verankert ist. 58 Prozent der Supply-Chain-Abteilungen sind strategisch stark in das Thema eingebunden – global liegt dieser Wert bei nur 49 Prozent. Und auch die Rolle des Chief Sustainability Officers gewinnt an Gewicht: In 60 Prozent der deutschen Unternehmen ist der CSO aktiv in die Beschaffungsprozesse involviert, verglichen mit 52 Prozent weltweit.

Das zeigt: Nachhaltige Beschaffung wird in Deutschland nicht mehr als isolierte Einkaufsinitiative verstanden, sondern als strategisches Querschnittsthema, das von der Führungsebene bis in die operative Umsetzung reicht.
Transparenz im Tier-1-Bereich und die Frage, was danach kommt
Wenn es um die Sichtbarkeit in der Lieferkette geht, schneidet Deutschland stark ab. 58 Prozent der Unternehmen haben Einblick in die Nachhaltigkeitsleistung von mehr als 75 Prozent ihrer direkten Lieferanten. Damit übertrifft der deutsche Einkauf den globalen Durchschnitt von 48 Prozent deutlich und bewegt sich auf Augenhöhe mit Italien (57 %) und Großbritannien (55 %), knapp hinter Frankreich (60 %).
Diese Transparenz wird aktiv genutzt: 35 Prozent der deutschen Unternehmen decken mindestens die Hälfte ihrer Ausgaben mit ESG-Ratings oder -Plattformen ab. Global sind es nur 26 Prozent. Besonders beeindruckend ist die Datendisziplin beim Thema Klima: 78 Prozent der deutschen Einkäufer*innen sammeln CO₂-Fußabdruck-Daten auf Produktebene, ein Wert, der den globalen Durchschnitt von 67 Prozent klar übersteigt.

Die spannende Frage bleibt allerdings: Was passiert jenseits der Tier-1-Ebene? Genau hier liegt für viele Programme die nächste Reifeprüfung, insbesondere vor dem Hintergrund der CSDDD, die explizit tiefere Wertschöpfungsketten in den Fokus nimmt.
Digital und datengetrieben mit Luft nach oben bei der KI-Skalierung
Bei der Digitalisierung der Beschaffungsprozesse gehört Deutschland zur europäischen Spitzengruppe. Im Risikomanagement haben 37 Prozent der Unternehmen eine vollständige digitale Integration erreicht – global sind es nur 29 Prozent. Auch im Supplier Relationship Management liegt die Digitalisierungsquote mit 32 Prozent deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von 24 Prozent.
Und die KI? Die wird bereits operativ eingesetzt: 63 Prozent der deutschen Einkaufsorganisationen nutzen KI-Tools, insbesondere für Predictive Analytics (77 % vs. 71 % global) und die Validierung von CO₂-Daten (68 % vs. 61 % global).
Doch bei der flächendeckenden Implementierung über alle Beschaffungsprozesse hinweg zeigt sich ein anderes Bild: Hier liegt Deutschland mit 10 Prozent noch leicht unter dem globalen Durchschnitt von 13 Prozent. Auch beim KI-gestützten Supplier Risk Screening hinkt Deutschland (55 %) dem globalen Wert (63 %) hinterher. Das Potenzial ist erkannt, die Skalierung steht noch aus.
Regulierung treibt, Innovation liefert den ROI
Was bewegt deutsche Einkäufer*innen zum Handeln? Die Antwort ist eindeutig: 70 Prozent nennen das Management von ESG-Risiken und regulatorischen Anforderungen als Hauptgrund für den Ausbau ihrer Programme. Global liegt dieser Wert bei 56 Prozent.
Der Antrieb mag regulatorisch sein, die Ergebnisse sind es nicht. 68 Prozent der deutschen Unternehmen verbuchen konkrete Innovationsergebnisse als realisierten Mehrwert ihrer nachhaltigen Beschaffungsprogramme. Global sind es 57 Prozent. Und 55 Prozent verzeichnen echte Kosteneinsparungen, verglichen mit 45 Prozent weltweit. Das widerlegt einmal mehr das hartnäckige Narrativ, nachhaltige Beschaffung sei primär ein Kostentreiber.
Um diese Ergebnisse zu belegen, setzen 77 Prozent der deutschen Unternehmen auf einen quantifizierten finanziellen ROI, ein deutlich höherer Anteil als im globalen Durchschnitt von 68 Prozent. Auch bei der Berichterstattung liegt Deutschland vorn: 77 Prozent veröffentlichen jährliche Nachhaltigkeitsberichte, 73 Prozent erstellen formelle regulatorische Offenlegungen.
Die Zukunft gehört der Datenethik und der verantwortungsvollen KI
Aktuell dominiert ein Thema die Agenda deutscher Einkäufer*innen: Net-Zero und Carbon Emissions Management, mit 68 Prozent die unangefochtene Top-Priorität. Dahinter folgen ethische Unternehmensführung (47 %) und Arbeitspraktiken (40 %).
Doch der eigentliche Paradigmenwechsel zeichnet sich erst ab. Für die nächsten zwei bis drei Jahre prognostizieren die Befragten einen massiven Bedeutungssprung eines Themas, das heute noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommt: Datenethik, digitale Rückverfolgbarkeit und verantwortungsvolle KI. In der Prioritätenliste der deutschen Einkäufer springt dieser Bereich von aktuell 27 Prozent auf 47 Prozent, ein Anstieg, der in keinem anderen Themenfeld auch nur annähernd so stark ausfällt.

Das ist konsequent. Wer KI im Einkauf einsetzt, um Lieferantenrisiken zu bewerten, CO₂-Daten zu validieren oder Beschaffungsentscheidungen zu automatisieren, muss sich zwingend mit den ethischen Implikationen dieser Technologie auseinandersetzen. Welche Daten fließen ein? Wie transparent sind die Algorithmen? Und wer trägt die Verantwortung, wenn KI-basierte Entscheidungen ganze Lieferantenbeziehungen beeinflussen?
Passend dazu geben die befragten CPOs an, dass ESG-Datenanalyse (53 %) und der Umgang mit Technologie und digitalen Beschaffungstools (48 %) die wichtigsten Fähigkeiten der kommenden Jahre sein werden.
Was bedeutet das für deutsche Einkaufsorganisationen?
Die Daten des Barometers zeichnen ein klares Bild: Deutsche Unternehmen haben in der nachhaltigen Beschaffung eine solide Basis geschaffen mit erfahrenen Teams, starker Transparenz im Tier-1-Bereich und einer zunehmend datengetriebenen Arbeitsweise. Gleichzeitig zeigen sich Felder, in denen die nächste Entwicklungsstufe ansteht: die Skalierung von KI über alle Prozesse hinweg, die Ausweitung der Transparenz in tiefere Lieferkettenebenen und der verantwortungsvolle Umgang mit den Technologien, die diese Transformation ermöglichen.
Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den regulatorischen Impuls, der in Deutschland nach wie vor der stärkste Treiber ist, in ein strategisches Betriebssystem zu überführen, das Compliance, Resilienz und Geschäftswert gleichermaßen adressiert. Die besten Programme tun genau das bereits. Für alle anderen ist jetzt der Zeitpunkt, aufzuholen.
Über die Studie: Das Sustainable Procurement Barometer wird von EcoVadis in Zusammenarbeit mit Accenture herausgegeben. Die neunte Ausgabe basiert auf den Erkenntnissen von 1.000 globalen Einkaufsorganisationen und knapp 2.000 Lieferanten. Die Studie untersucht, welche praktischen Fähigkeiten Einkaufsorganisationen aufbauen, um unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben: von der Lieferkettentransparenz über die Integration von Lieferantendaten in operative Workflows bis hin zu Partnerschaften, die Innovation vorantreiben.