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22nd January 2026

Pflicht mit Wirkung: Was Frankreichs „Loi de Vigilance“ über die ökonomischen Effekte von CSDDD und CSRD verrät

Gerade veröffentlicht: Der globale Index für Nachhaltigkeitsrisiken & Leistung von Lieferketten

Einblicke von EcoVadis Ratings

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Mit der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) schafft die EU erstmals einen verbindlichen Rahmen für menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten entlang globaler Wertschöpfungsketten. Parallel fordert die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), diese Pflichten strukturiert, prüfbar und vergleichbar offenzulegen.

Die politische Debatte kreist dabei häufig um Kosten, Bürokratie und Wettbewerbsfähigkeit. Was bislang fehlte, war harte empirische Evidenz, wie sich verpflichtende Sorgfaltspflichten tatsächlich auf die operative Performance von Unternehmen auswirken. Genau hier setzt eine neue Langzeitstudie zum französischen Loi de Vigilance an.

 

Der Vorläufer der CSDDD

Das Loi de Vigilance verpflichtet große Unternehmen in Frankreich bereits seit 2017, Risiken in ihren Lieferketten zu identifizieren, Präventionsmaßnahmen umzusetzen und darüber öffentlich zu berichten – inklusive zivilrechtlicher Haftung bei Versäumnissen. Inhaltlich und systematisch ist sie der CSDDD bemerkenswert ähnlich: risikobasierter Ansatz, Fokus auf Menschenrechte und Umwelt, Pflicht zur Umsetzung statt bloßer Offenlegung.

Seit Inkrafttreten des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) im Januar 2023 sehen sich viele Unternehmen mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert: gestiegene Anforderungen an Risikoanalysen, Präventionsmaßnahmen und Berichterstattung entlang globaler Lieferketten. Die EU-Richtlinie zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD) erweitert den Rahmen nochmals – inhaltlich wie auch hinsichtlich des Anwendungsbereichs.

Doch was bedeutet das konkret für betroffene Unternehmen? Bringt regulatorischer Druck zwangsläufig höhere Kosten und geringere Wettbewerbsfähigkeit mit sich? Eine neue empirische Studie zur französischen Loi de Vigilance liefert dazu erstmals belastbare Antworten.

Die Studie von Durach und Wang analysiert 73 börsennotierte Unternehmen über einen Zeitraum von 2006 bis 2023 und vergleicht sie mit strukturell ähnlichen Unternehmen aus acht europäischen Ländern. Methodisch geht sie deutlich über bisherige Arbeiten hinaus und erlaubt erstmals Aussagen zu dynamischen Effekten über mehrere Jahre.

 

Die Ergebnisse in aller Klarheit

  1. Ja, Sorgfaltspflichten verursachen initial Kosten
    Nach Einführung des Loi de Vigilance steigen die Inputkosten zunächst messbar. Treiber sind der Aufbau von Governance-Strukturen, Risikoanalysen, Lieferantenintegration und interne Kontrollprozesse. Diese Effekte sind real – aber zeitlich begrenzt.
  2. Entscheidend ist, was danach passiert
    Mit zunehmender Durchdringung der Lieferkette kehrt sich der Effekt um. Der Anteil der Kosten an den Umsätzen (COGS/Sales) sinkt signifikant und dauerhaft. Über die Nachbeobachtungszeit ergibt sich eine durchschnittliche Effizienzverbesserung von rund zehn Prozent. Das ist kein Reputations- oder Kapitalmarkteffekt, sondern ein operativer Befund.
  3. Keine Hinweise auf Wachstumsverluste
    Weder Umsätze noch Skalierung (Sales/Assets) leiden unter der Regulierung. Die häufig geäußerte Sorge, verpflichtende Sorgfaltspflichten würden die unternehmerische Handlungsfähigkeit einschränken, findet in den Daten keine Bestätigung.

Die Ergebnisse der französischen Loi-de-Vigilance-Analyse werden durch eine aktuelle, groß angelegte Studie des UNDP in Kooperation mit der World Benchmarking Alliance (WBA) zusätzlich gestützt. Auf Basis von Daten zu 235 weltweit tätigen Unternehmen aus besonders risikobehafteten Branchen zeigt die Studie, dass Verbesserungen in der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht keinen negativen Effekt auf die Wettbewerbsfähigkeit haben.

Im Gegenteil: Unternehmen, die ihre Human-Rights-Due-Diligence-Systeme substanziell ausgebaut haben, verzeichnen signifikante Verbesserungen der operativen Effizienz, gemessen unter anderem an der Kapitalrendite (ROA), während Margen, Cashflows und Marktbewertungen stabil bleiben. Entscheidend ist dabei der zeitliche Befund: Die Analyse berücksichtigt explizit Vorlaufeffekte und zeigt, dass anfängliche Investitionen in Prozesse, Governance und Lieferkettensteuerung über die Zeit kompensiert und übertroffen werden. Damit bestätigt die UNDP/WBA-Studie auf globaler Ebene, was die Evidenz aus Frankreich nahelegt: Sorgfaltspflichten sind kein Kostenfaktor per se, sondern entfalten ihren ökonomischen Effekt über bessere Steuerung, geringere Störanfälligkeit und effizientere Ressourcennutzung.

 

Was das für CSDDD und CSRD bedeutet

CSDDD: Steuerung statt Symbolik

Die Studie zeigt deutlich: Die ökonomischen Effekte entstehen nicht durch formale Compliance, sondern durch tatsächliche Integration der Sorgfaltspflichten in Einkaufs-, Risiko- und Steuerungsprozesse. Genau hier setzt die CSDDD an – und genau hier entscheidet sich ihr Erfolg.

CSRD: Transparenz mit Nebenwirkung

Die CSRD zwingt Unternehmen, diese Prozesse konsistent zu dokumentieren, zu messen und extern nachvollziehbar zu machen. Das wirkt disziplinierend: Inkonsistenzen, symbolische Maßnahmen oder fragmentierte Ansätze werden sichtbar – intern wie extern. In Kombination mit der CSDDD entsteht so ein Governance-Mechanismus, der Lernen und Effizienz begünstigt.

Lieferketten als Effizienzhebel

Besonders stark profitieren Unternehmen mit komplexen, internationalen Lieferantennetzwerken – also genau jene, die heute vor der größten Umsetzungsaufgabe stehen. Transparenz, Standardisierung und klare Verantwortlichkeiten zahlen sich hier operativ aus.

 

Ein unbequemer, aber wichtiger Befund

Die Studie legt nahe:
Nicht Regulierung an sich ist teuer – sondern schlecht umgesetzte Regulierung.

Unternehmen mit niedriger Umsetzungstiefe tragen Kosten, ohne Effizienzgewinne zu realisieren. Unternehmen mit systematischem Ansatz hingegen wandeln regulatorischen Druck in organisatorische Reife um.

 

Fazit

Das Loi de Vigilance zeigt, was unter CSDDD-Bedingungen möglich ist:
Verbindliche Sorgfaltspflichten sind kein reines Compliance-Thema. Sie verändern Prozesse, Entscheidungslogiken und Lieferantenbeziehungen – und können messbar zur operativen Effizienz beitragen.

Vor diesem Hintergrund sollte die Diskussion um CSDDD und CSRD weniger um das Ob, sondern stärker um das Wie geführt werden. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob Regulierung Kosten verursacht, sondern ob Unternehmen sie strategisch nutzen.

 

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