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30th July 2026

Programme vorn, Prozesse hinten: Die Lücke in den Lieferketten deutscher Unternehmen

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Deutsche Einkaufsorganisationen führen in fast jeder Kennzahl, mit der sich die Reife eines Nachhaltigkeitsprogramms messen lässt. Ihre eigenen Lieferanten stellen ihnen dennoch eines der schlechtesten Zeugnisse der gesamten Erhebung aus.

Dieser Widerspruch ist der eigentliche Befund des Sustainable Procurement Barometer 2026. Er verweist nicht auf fehlenden Anspruch, sondern auf eine Lücke zwischen Programm und Wirkung.

Der Befund: Deutschland ist bei der Substanz vorn

Das Barometer von EcoVadis und Accenture, der auf Angaben von 1.000 multinationalen Unternehmen und knapp 2.000 Lieferanten basiert, zeichnet für Deutschland ein klares Bild.

Deutsche Programme sind überdurchschnittlich etabliert: 30 Prozent laufen seit mehr als zehn Jahren, gegenüber 25 Prozent im Erhebungsdurchschnitt. 62 Prozent verfügen über ein vollständig dediziertes Team für nachhaltige Beschaffung, im Durchschnitt sind es 55 Prozent. 58 Prozent haben Transparenz über mehr als drei Viertel ihrer Tier-1-Lieferanten, gegenüber 48 Prozent. 35 Prozent decken mindestens die Hälfte ihres Einkaufsvolumens mit ESG-Ratings ab, gegenüber 26 Prozent. 78 Prozent erheben produktbezogene CO2-Daten – der höchste Wert unter den erfassten europäischen Ländern und deutlich über dem Durchschnitt von 67 Prozent.

Und als wichtigsten Programmnutzen nennen deutsche Unternehmen nicht Compliance, sondern Innovationsergebnisse: 68 Prozent, vor regulatorischer Vorbereitung mit 65 Prozent. In den meisten anderen Ländern der Erhebung steht die Regulatorik an erster Stelle.

Das ist kein Profil eines Nachzüglers. Es ist das Profil einer Organisation, die Substanz aufgebaut hat.

Zur Einordnung: Die deutschen Werte der Einkäufer*innenberuhen auf 60 befragten Organisationen. Sie zeigen ein Profil, keine auf den Prozentpunkt belastbare Rangfolge.

Der blinde Fleck: Was die Lieferanten sehen

Der Barometer hat zusätzlich knapp 2.000 Lieferanten befragt, 158 davon in Deutschland. Deren Antworten stehen quer zu den Programmzahlen.

Lediglich 30 Prozent der deutschen Lieferanten halten ihre großen Kunden für tatsächlich engagiert in Sachen Lieferkettennachhaltigkeit. Der globale Durchschnitt liegt bei 41 Prozent. Nur Schweden liegt mit 28 Prozent noch niedriger, Länder mit deutlich jüngeren Programmen wie Brasilien (53 Prozent) oder Indien (55 Prozent) schneiden erheblich besser ab. Programmreife und wahrgenommenes Engagement fallen also nicht zusammen, sie fallen in Deutschland sogar auffällig auseinander.

Ein möglicher Grund steht wenige Seiten weiter: Global geben nur 17 Prozent der Lieferanten an, sich durch Kundeninitiativen incentiviert zu fühlen. 47 Prozent erleben Engagement, das im Grundsatz erklärt, aber nicht konsequent nachgehalten wird. Was Lieferanten nach eigener Aussage bewegen würde, sind kommerzielle Anreize: längere Verträge, verbindliche Abnahmemengen.

Parallel dazu öffnet sich eine Kapazitätslücke. 31 Prozent der deutschen Lieferanten liefern überhaupt keine CO2-Daten, 34 Prozent haben keinerlei Pläne, KI einzusetzen. Global sind es 30 beziehungsweise 36 Prozent. Anforderungen zu kaskadieren erzeugt hier keine Fähigkeit.

Wo die Lücke tatsächlich liegt: Datenarchitektur

Warum Reifegrad nicht automatisch Wirkung erzeugt, zeigt die zweite Studie. Ardent Partners hat für „The Path to AI-First Procurement” 311 CPOs und Beschaffungsverantwortliche aus 25 Branchen befragt.

Nur 11 Prozent der Beschaffungsorganisationen arbeiten mit einem einheitlichen Datenmodell über den gesamten Source-to-Pay-Prozess. 40 Prozent operieren mit fragmentierten Silos, in denen Sourcing, Verträge, Lieferantenstammdaten und Transaktionen unverbunden nebeneinanderstehen. Und die als „integriert” beschriebene Gruppe – 41 Prozent – ist es faktisch nicht: Ardent Partners bezeichnet den manuellen Abgleich zwischen Systemen als „managed fragmentation”, als verwaltete Fragmentierung statt operativer Kontinuität. Weitere 8 Prozent geben an, dass ein Großteil ihrer Beschaffungsintelligenz in unstrukturierten Dokumenten, PDFs und E-Mails feststeckt.

Diese Architektur bindet Kapazität. In 87 Prozent der Organisationen beansprucht taktische Arbeit einen erheblichen Teil des Arbeitstags, in 31 Prozent mehr als die Hälfte. Nur 13 Prozent der CPOs führen Teams, in denen taktische Tätigkeiten unter einem Viertel der Kapazität bleiben.

Das Barometer beschreibt dieselbe Lücke aus anderer Richtung: 98 Prozent der Organisationen haben Nachhaltigkeitskriterien in irgendeiner Form in die Beschaffung eingebettet, aber nur 15 Prozent halten ihre Integrationsfähigkeit für fortgeschritten. 41 Prozent stufen sie als „in Entwicklung” ein. Etwas zu tun und es belastbar in Prozesse einzubauen, sind zwei verschiedene Reifegrade.

Transparenz endet, wo die Risiken beginnen

Der Barometer quantifiziert die Tiefe der Lieferkette präzise. Die Tier-1-Sichtbarkeit ist deutlich gestiegen: von 27 Prozent im Jahr 2024 auf 48 Prozent, die über mehr als drei Viertel ihrer direkten Lieferanten Transparenz haben.

Jenseits davon bricht das Bild ab. Annähernd 90 Prozent der Unternehmen sehen weniger als die Hälfte ihrer Tier-2-Lieferanten. Auf Tier-3-Ebene sehen 85 Prozent höchstens ein Viertel. Für eine Sichtbarkeit von über 75 Prozent weist die Erhebung auf beiden Ebenen einen Anteil von 0 Prozent aus.

Genau dort entstehen jedoch viele Ausfallursachen. Ein Tier-1-Lieferant, dessen Vormaterial aus einem einzigen Cluster stammt, ist kein diversifizierter Bezug, sondern ein verdeckter Single Point of Failure. Wer nur die erste Ebene sieht, kann Redundanz nicht bewerten – und erkennt Konzentrationsrisiken erst, wenn sie eintreten. Gartner erwartet, dass bis 2029 rund 40 Prozent der Organisationen tiefe Sichtbarkeit bis Tier 3 erreichen. Heute ist das die Ausnahme.

KI wirkt, aber nicht als Abkürzung

Beide Erhebungen weisen in dieselbe Richtung: KI hilft dort, wo die Grundlagen stimmen.

Organisationen mit operativem KI-Einsatz berichten häufiger Sichtbarkeit über mehr als die Hälfte ihrer Tier-1-Lieferanten – 82 Prozent gegenüber 74 Prozent bei Unternehmen mit begrenztem KI-Einsatz. Auch Tier-2- und Tier-3-Sichtbarkeit steigen mit dem Einsatz. Der häufig zitierte Wert, wonach Organisationen mit ausgereiften KI-gesteuerten Prozessen rund 2,5-fach höheres Umsatz- und Produktivitätswachstum erzielen, stammt allerdings nicht aus der Befragung selbst, sondern aus einer im Barometer verlinkten externen Analyse mit anderer Grundgesamtheit. Er belegt eine Korrelation bei den Reifsten, nicht den Effekt operativer Nutzung.

Entscheidend ist die Reihenfolge. Als größte Hürde für breitere KI-Nutzung nennen CPOs weltweit Datenqualität, -verfügbarkeit und -struktur: 59 Prozent, vor Integrationskomplexität mit 51 Prozent. Rund zwei Dritteln der Organisationen ordnet Ardent Partners ein Muster zu, das die Analysten „Overreaching” nennen – hohe KI-Ambition bei niedriger operativer Reife. Nur etwa 23 Prozent verbinden beides.

Das Ausmaß der Ambition lässt sich beziffern. Bei der KI-gestützten Lieferantenrisiko- und Performance-Steuerung stehen 8 Prozent aktueller Nutzung 51 Prozent geplanter Einführung gegenüber. Beim Vertragsmanagement sind es 14 gegenüber 56 Prozent. Mehr als 80 Prozent der Organisationen planen, binnen drei Jahren agentische KI einzusetzen – während 34 Prozent bis heute keinerlei formale KI-Governance haben. Wer Agenten auf fragmentierte Daten setzt, skaliert die vorhandenen Inkonsistenzen, nur schneller.

Bemerkenswert ist, wie klar die Befragten das selbst sehen: 63 Prozent nennen menschliche Freigabe bei kritischen Entscheidungen als einzige nicht verhandelbare Governance-Anforderung. Kein einziger Befragter hält intransparente KI in der Beschaffung für unbedenklich.

Was daraus folgt

Aus der Zusammenschau ergeben sich vier Ansatzpunkte, die sich weniger auf Ambition als auf Architektur richten.

Datenbasis vor Werkzeug. Ein konsolidierter Lieferantendatenbestand ist keine IT-Nachrüstung, sondern die Voraussetzung dafür, dass Automatisierung und KI Wirkung erzeugen statt Fehler zu skalieren. Dass Datenqualität und nachweisbarer ROI die beiden meistgenannten Beschleuniger sind, ist kein Zufall, es ist dasselbe Problem von zwei Seiten.

Governance vor Agenten. Zwischen 4 Prozent heutiger und 47 Prozent geplanter autonomer Sourcing-Ausführung liegen zwei bis drei Jahre. Eskalationspfade, Datenverantwortung und Freigabeschwellen jetzt zu definieren ist billiger, als sie nach einem Vorfall nachzurüsten.

Konzentrationsrisiken jenseits Tier 1 kartieren. Vollständige Tier-3-Transparenz ist für die meisten Organisationen unrealistisch. Eine risikobasierte Vertiefung entlang der kritischen Kategorien ist es nicht.

Lieferantenbefähigung als Resilienzmaßnahme behandeln. Datenqualität in der Lieferkette entsteht dort, wo Lieferanten die Kapazität haben, Daten zu erzeugen. Schulung, gemeinsame Formate und belastbare kommerzielle Anreize sind damit Bestandteil des Risikomanagements, nicht dessen Beiwerk. Dass nur 17 Prozent der Lieferanten sich incentiviert fühlen, ist keine Kommunikations-, sondern eine Vertragsfrage.

Fazit: Reifegrad ist kein Wirkungsnachweis

Die Debatte über Lieferkettenresilienz hat sich lange auf Sichtbarkeit konzentriert. Der deutsche Befund verschiebt den Fokus. Sichtbarkeit ist notwendig, aber sie beschreibt einen Zustand.

Deutsche Beschaffungsorganisationen haben aufgebaut, was aufzubauen war: dedizierte Teams, lange laufende Programme, Tier-1-Transparenz, produktbezogene Klimadaten. Was daraus in der Lieferkette ankommt, bewerten die Lieferanten selbst deutlich zurückhaltender als in fast jedem anderen erfassten Land. Zwischen beidem liegen eine Datenarchitektur, die manuellen Abgleich für Integration hält, und ein Anreizsystem, das Anforderungen weitergibt, ohne Fähigkeit zu erzeugen.

Für Beschaffungsverantwortliche lautet die relevante Frage damit weniger, wie viele Lieferanten bewertet sind. Sondern: Was ändert sich bei diesen Lieferanten dadurch, dass sie bewertet wurden? Und wie schnell wäre die Organisation handlungsfähig, wenn einer davon morgen ausfiele? Wer diese Antworten nicht kennt, kennt seine Resilienz nicht.


Quellen: Sustainable Procurement Barometer 2026, EcoVadis in Zusammenarbeit mit Accenture; Befragung von 1.000 multinationalen Unternehmen mit über 1 Mrd. USD Umsatz aus 20 Branchen, Oktober/November 2025; Lieferantenbefragung von knapp 2.000 Unternehmen, Ende 2025; deutsche Teilstichproben: 60 Enkäufer*innen, 158 Lieferanten. – Ardent Partners, „The Path to AI-First Procurement: Closing the Gap Between AI Ambition and Execution”, Juni 2026; 311 CPOs und Beschaffungsverantwortliche aus 25 Branchen, Erhebung Januar bis März 2026, Regionenverteilung 57 Prozent Nordamerika / 30 Prozent EMEA; die Studie wurde von Ivalua finanziert.

Als externe Expertin für nachhaltige Lieferketten sowie strategische Kommunikation und Marketing ist Pia Pinkawa freiberuflich für EcoVadis in der D-A-CH-Region tätig. Sie verbindet fundierte Fachkenntnisse im Bereich verantwortungsvolle Beschaffung und globale Lieferketten mit einem ausgeprägten Verständnis für regulatorische und unternehmerische Anforderungen.

Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre im Bereich Compliance-Training und Kommunikation, wo sie Unternehmen dabei unterstützte, regulatorische Anforderungen verständlich zu vermitteln und in organisationalen Strukturen zu verankern.

Pia Pinkawa ist zertifizierte interkulturelle Trainerin, Germanistin und Italianistin mit journalistischem Hintergrund. Seit über neun Jahren begleitet sie Unternehmen dabei, Nachhaltigkeit strukturiert zu integrieren und wirksam zu kommunizieren. Zudem veröffentlicht sie regelmäßig international Fachbeiträge und Artikel zu nachhaltigen Lieferketten, ESG-Regulatorik und weiteren Themen.

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