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16th July 2026

KI im Einkauf: Warum Scope 3 vor allem an der operativen Realität scheitert

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Die Erwartungen an Künstliche Intelligenz im Einkauf sind derzeit enorm. Kaum eine Diskussion rund um Sustainable Procurement kommt noch ohne Begriffe wie Predictive Supplier Intelligence, AI-enabled Procurement oder Decision-grade Scope-3-Data aus. Der Eindruck entsteht: Mit den richtigen Technologien lassen sich Transparenzprobleme in Lieferketten künftig weitgehend automatisiert lösen.

Tatsächlich investieren viele Unternehmen bereits massiv in entsprechende Systeme. Das aktuelle Sustainable Procurement Barometer 2026 zeigt, dass 68 Prozent der Unternehmen KI bereits operativ in ihren Sustainable-Procurement-Programmen einsetzen. 13 Prozent sprechen sogar von einer breiten, unternehmensweiten Implementierung.

Besonders stark wächst der Einsatz in Bereichen wie Predictive Analytics, Supplier Risk Screening oder Carbon Data Validation. Gleichzeitig erwarten viele Unternehmen, dass Themen wie digitale Rückverfolgbarkeit, Responsible AI und datengetriebene Steuerung in den kommenden zwei bis drei Jahren massiv an Bedeutung gewinnen werden. Laut Barometer steigt die Relevanz von „Data Ethics, Digital Traceability & Responsible AI“ von heute 24 Prozent auf künftig 47 Prozent der Unternehmen als strategischer Fokusbereich.

Damit verändert sich auch das Kompetenzprofil im Einkauf fundamental.

Die wertvollsten Skills der Zukunft

Während heute laut Barometer Skills wie “Grundlagen von ESG, Nachhaltigkeit und ethischer Unternehmensführung” (43 % verorteten dies als Top1-3-Skill), “Strategie für nachhaltige Beschaffung und Kategorieplanung” (40 %) und auf Platz drei “Compliance- und Regulierungskompetenz” (35 %) dominieren und gefordert sind, werden in den kommenden Jahren andere Fähigkeiten relevant. Das Barometer fragte, welche Skills in den kommenden 2-3 Jahren wertvoll werden: “ESG-Datenanalyse, -Überwachung und -Berichterstattung” verzeichnet dabei das größte Wachstum zum Top-Skill von 25 % aktuell zu 52 % in den kommenden 2 bis 3 Jahren. Ebenfalls zum stark geforderten Skill wird der Umgang mit “Technologie und digitalen Beschaffungsinstrumenten” (19 % aktuell, 40 % in 2 bis 3 Jahren). “Strategie für nachhaltige Beschaffung und Kategorieplanung” bleibt unter den Top-3-Skills, fällt allerdings von 40 % auf 27 %. Procurement entwickelt sich damit schrittweise von einer primär transaktionalen Funktion hin zu einer daten- und steuerungsorientierten Integrationsfunktion.

Doch trotz aller technologischen Dynamik bleibt eine zentrale Frage offen: Wie belastbar sind die Datenstrukturen, auf denen diese Systeme überhaupt arbeiten?

Denn genau hier zeigt sich derzeit die eigentliche Herausforderung nachhaltiger Beschaffung.

Der eigentliche Engpass liegt nicht bei der Technologie

Die Debatte über KI im Procurement suggeriert häufig, dass Unternehmen primär ein Analyseproblem hätten. In der Realität kämpfen viele Organisationen jedoch weiterhin mit deutlich grundlegenderen Themen: fragmentierten Lieferantendaten, fehlender Integration, unklaren Verantwortlichkeiten und mangelnder Transparenz über tiefere Lieferkettenebenen.

Das Barometer macht diese strukturellen Defizite deutlich sichtbar. Zwar verfügen mittlerweile 48 Prozent der Unternehmen über Transparenz bei mehr als 75 Prozent ihrer Tier-1-Lieferanten. Jenseits dieser ersten Ebene bricht die Sichtbarkeit jedoch drastisch ein. Nur 12 Prozent der Unternehmen haben Transparenz über mehr als die Hälfte ihrer Tier-2-Lieferanten. Tier 3 bleibt für die meisten Organisationen nahezu vollständig intransparent.

Gerade dort entstehen jedoch viele der Risiken, die Unternehmen künftig regulatorisch, operativ und reputationsseitig adressieren müssen. Menschenrechtliche Risiken, Emissions-Hotspots oder Rohstoffabhängigkeiten liegen selten direkt im Tier-1-Netzwerk.

Die Realität ist deshalb ernüchternd: Viele Unternehmen bauen derzeit AI-gestützte Entscheidungsmodelle auf Datenfundamenten, die operativ noch gar nicht entscheidungsfähig sind.

Scope 3 bleibt vor allem ein Datenproblem

Besonders deutlich wird diese Diskrepanz beim Thema Scope 3. Kaum ein Bereich steht aktuell stärker im Fokus von Nachhaltigkeits- und Procurement-Strategien. Laut Barometer zählt Scope-3-Management für 55 Prozent der Unternehmen zu den wichtigsten Prioritäten der kommenden Jahre.

Die strategische Relevanz ist damit unstrittig. Die operative Umsetzung bleibt jedoch hochkomplex.

Denn Scope 3 scheitert in den meisten Unternehmen nicht an Ambition oder Zielbildern. Es scheitert an Datenverfügbarkeit und Prozessintegration. Laut Barometer liefern 30 Prozent der Lieferanten überhaupt keine Primärdaten zu Emissionen. Viele weitere stellen lediglich aggregierte oder geschätzte Werte bereit.

Das Problem verschärft sich zusätzlich durch die fehlende operative Verankerung von ESG-Daten im Einkauf. Zwar haben mittlerweile nahezu alle Unternehmen begonnen, ESG-Kriterien in Procurement-Prozesse zu integrieren. Vollständig digitalisierte ESG-Integration über Procurement- und Risk-Management-Prozesse hinweg erreichen jedoch nur rund 30 Prozent der Unternehmen.

In vielen Organisationen existieren Nachhaltigkeitsdaten damit weiterhin parallel zum eigentlichen Einkaufssystem, statt integraler Bestandteil operativer Entscheidungen zu sein. ESG bleibt häufig Reporting-Layer statt Steuerungslogik.

Die neue digitale Asymmetrie in Lieferketten

Hinzu kommt eine Entwicklung, die bislang noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält: die zunehmende digitale Asymmetrie zwischen großen Unternehmen und ihren Lieferanten.

Während Konzerne massiv in AI- und ESG-Infrastrukturen investieren, verfügen viele Lieferanten – insbesondere im Mittelstand – weder über die notwendigen Systeme noch über ausreichende personelle Ressourcen, um die steigenden Datenanforderungen belastbar zu erfüllen.

Das Barometer zeigt, dass 36 Prozent der Lieferanten aktuell keine Pläne zur Nutzung von KI haben. Nur fünf Prozent setzen KI bereits umfassend ein.

Damit entsteht ein strukturelles Spannungsfeld: Die Datenerwartungen der Kunden steigen schneller als die operative Fähigkeit vieler Lieferanten, diese Anforderungen überhaupt bedienen zu können.

Gerade für Scope-3-Management dürfte diese Lücke in den kommenden Jahren zu einem der größten Skalierungsprobleme werden.

Procurement wird zur Infrastrukturfrage

Die eigentliche Erkenntnis aus dem aktuellen Barometer lautet deshalb nicht, dass KI an Bedeutung gewinnt. Das war erwartbar. Entscheidend ist vielmehr, worüber sich nachhaltige Beschaffung künftig differenzieren wird.

Nicht über die Anzahl neuer Tools.
Nicht über zusätzliche Dashboards.
Und auch nicht über möglichst viele ESG-Datenpunkte.

Die führenden Unternehmen unterscheiden sich zunehmend durch ihre Fähigkeit, Daten operativ nutzbar zu machen: durch integrierte Governance-Strukturen, belastbare Supplier Intelligence, kontinuierliche Datennutzung und die systematische Verankerung von ESG-Kriterien in Einkaufsentscheidungen.

Sustainable Procurement entwickelt sich damit zunehmend zu einer Infrastrukturfrage.

Wer künftig resilient, regulatorisch belastbar und zugleich wettbewerbsfähig bleiben will, benötigt nicht nur bessere Technologien. Entscheidend werden belastbare Datenstrukturen, integrierte Prozesse und funktionierende Lieferantenintegration sein.

Die eigentliche Transformation beginnt deshalb nicht bei KI. Sondern bei der operativen Realität der Lieferkette.

 

Andrea Bacher ist Expertin für Nachhaltigkeit, ESG und Regulatorik mit internationaler Erfahrung in Beratung, Enablement und Go-to-Market. Bei EcoVadis ist sie als Head of Regulatory Expertise mit Verantwortung an der Schnittstelle von Customer Experience, Go-to-Market, Sales Engineering und Enablement tätig. Sie hält einen LL.M. in International Business Law von der Queen Mary University of London sowie einen M.Sc. in Sustainable Development Management von der HEC Paris.

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